Ein Ausflug in die Welt der Literatur

B. Spitzelt 23.07.2008 14:57 Themen: Kultur
Heute: Berthold Brechts "Der gute Mensch von Sezuan", am 4.2.1943 in Zürich uraufgeführt.

Erster Teil.

Anregungen und Kritiken willkommen.
Notizen zu Berthold Brechts „Der gute Mensch von Sezuan".

Formal: Theaterstück in mehreren Akten, mit Chorgesängen.

Inhalt:
Die Personifikationen dreier Gottheiten suchen in einer Stadt, unter Vermittlung eines Wasserträgers, einen „guten Menschen“, bei dem sie eine Unterkunft finden können. Sie werden von einer jungen Frau aufgenommen und verfolgen im Weiteren deren Werdegang, wobei wieder der Wasserträger sie mit Informationen versorgt.
Der „gute Mensch“ möchte gerne gut sein, jedoch fehlen ihr die Mittel dazu, ständig allen Gutes zu tun, und es überfordert sie, die dementsprechenden, sich häufenden Bitten abschlagen zu müssen. So erfindet sie sich eine zweite Identität, die mit der „notwendigen“ Härte vorzugehen versteht. Die Gute nutzt die Chance, die sich ihr bietet, einen Ausbeutungsbetrieb aufzubauen und tut damit immer mehr Gutes, die „Harte“ hält ihr dabei den Rücken frei. Der Versuchung, mit ihrem Liebhaber durchzubrennen und alle ihre Schützlinge im Stich zu lassen, widersteht sie. Als sie jedoch von diesem geschwängert wird, kommt es zu Widersprüchen zwischen ihren beiden Identitäten und daraus entstehenden Verdächtigungen. Um diese aufzulösen ist sie schließlich gezwungen, in einem Prozeß, der ihr von den drei Gottheiten gemacht wird, ihr Spiel zuzugeben. Die Gottheiten erteilen ihr die Absolution.

Analyse: Der Mensch ist gut, aber er ist gezwungen, um das Gute voranzubringen, manchmal Schlechtes zu tun. Dies ist aber gerechtfertigt, es geht nun mal nicht anders. Diese anthropologische Tatsache begründet jedenfalls, warum manchen die kapitalistische Wirtschaftsweise manchmal als unmoralisch erscheinen mag.

Urteil: Es ist wirklich eines der miesesten und langweiligsten Stücke (im Klappentext meiner Suhrkamp-Ausgabe steht: „geschlossensten“) von Brecht, total konterrevolutionär und bürgerlich. Fast wundert man sich, daß es von Brecht sein soll. Das Thema (Ausbeutung, Gewalt, Moral, dazu Sex) geht in den Kern des Kapitalismus hinein, nur gibt eben ihre Bearbeitung einen verkehrten Eindruck von der Sache.

Richtigstellung für eine Neubearbeitung:
Ausbeutung ist Ausbeutung und Gewalt ist Gewalt, beides bleibt schlecht; die individuellen Motive sind die niedrigsten, die man sich denken kann. Am allerschlimmsten aber ist das „Gute“, das aus dem so abgepressten Gewinn (der hier das Motiv abgibt) gestiftet wird, nicht nur weil es all das Schlechte als letztendlich zum Guten führend erscheinen läßt; sondern weil es auch objektiv das Schlimmste, der Gipfel an Gewalt und Ausbeutung ist.

So wäre z.B. die Sache umzukehren:
Eine junge Frau kommt in die Stadt und möchte lernen, ein guter Mensch zu sein. Ein Wachtposten bringt sie zu einem der Mogulen, die die Stadt beherrschen und sich als Gottheiten präsentieren. Der vergewaltigt sie erst einmal. Dann sperrt er sie, zu seiner Belustigung, in eine Art Hamsterrad hinter einem Wandvorhang seines Thronsaales, in dem sie sich abmühen soll, einen Fächer anzutreiben, um ihn auch in der größten Mittagshitze gut ausgeruht wirken zu lassen. Sie schafft es, sich zu befreien und erwürgt den Mogul mit der Schnur, die den Fächer antreibt. Die während einer Audienz anwesende Menge greift nicht ein, weil sie erkennt, daß ihr Gott ein Mensch wie sie ist.

Kritik daran wäre erstmal, daß die Stiftung des Guten, und worin es besteht, sowie der ganze Gegensatz der Erscheinungen darin nicht zur Sprache kommen, was eben die Leistung von Brechts Stück ausmacht. Gut daran aber, daß es eigentlich dasselbe Thema kürzer , konziser und actionreicher abhandelt. Kritik wiederum, das Thema Eskapismus immanent, durch die Beseitigung des Moguls durch eine Fremde.

Nächster Versuch:
Wir müssen unsere Analyse vertiefen: der gute Mensch gerät bei Brecht in diese ganzen Konflikte dadurch, daß er selber – mehr oder weniger zufällig, d.h. „durch harte Arbeit“ – in die Lage kommt, „Gutes“ zu stiften, weil er wohlhabend wird, zu relativem Reichtum kommt und es schafft, ihn zu mehren. Weil der Reichtum den arm gebliebenen scheinbar nutzt, wenn ihnen davon gespendet wird, ist es auch gut, wenn er zustandekommt, und uninteressant, wie. Die Hauptperson jedenfalls ist eine, die den Reichtum aus dieser (eingebildeten) Perspektive kennengelernt hat, als gestiftetes Gutes. Wenn sie endlich in die Lage kommt, selber darüber zu verfügen, maskiert sie sich aber und zeigt denen, die ihrerseits auf eine Stiftung daraus hoffen, dieses starre Gesicht. Es scheint, sie hat erkannt, daß das Problem so nicht zu bewältigen ist. Stattdessen verwendet sie ihren Reichtum, den Armen „ehrliche“ Arbeit zu geben, damit sie sich selber helfen können. Es ist dieses der richtige Weg, sagt Brecht. In der Sphäre der Götter wird dieses symbolisch verhandelt, indem der „Mord“, den die Verhärtete an der Guten beging, gerechtfertigt und als gut befunden wird. In dieser Interpretation beschreibt das Stück möglicherweise einen moralischen Wandel, den der Übergang zur kapitalistischen Produktionsweise notwendig macht.

Folglich bestünde eine Aufgabe, diesem theoretischen Entwurf spekulativ entgegenzuhalten eine Entwicklung, in welchem das „alte“ Gute weiterhin triumphierte und, stellvertretend für die erforderte Härte und die realistische Verhaltensweise, die „Maske“ umbringt. Dies scheint mit den geschichtlichen Handlungen – zumindest einigen - auch eher übereinzustimmen.

Was käme dabei heraus? Wie stellte sich diese Geschichte und ihr Verlauf dann dar?

Einige Kritik an dieser Darstellung zuerst: wir haben gesagt, die eingebildete Perspektive, weil der Hauptperson als Arbeiterin (es wird angedeutet, sie sei zu Beginn ihrer Karriere eine Prostituierte) doch nicht vollkommen unbekannt sein kann, auf welche Weise der Reichtum geschaffen wird, der ihr dann als Gutes erscheint. Da müssen wir wohl noch etwas genauer werden.
Dann, diese entwicklungstheoretische Perspektive bringt, wie eingangs bemerkt, dummerweise den Ausbeutungscharakter dessen, was hier als „ehrliche“, „harte“, „notwendige“ und zuletzt „gute“ Arbeit vorgestellt wird, zum Verschwinden, und hinterlässt daher einen etwas schiefen Eindruck für uns, die wir mit der Situation des Wandels erlebnismäßig nichts mehr zu tun haben. Wie ließe sich dieser Mangel durch Aktualisierung aufheben?

Wird fortgesetzt.
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Ergänzungen

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1. Anmerkung — Rechtschreibreform

Dummfuck und Dummfuck — Einfacher Text oder HTML?

Der letzte linke — Student:

@schlaumeier — "dummfuck"

& "Dummfuck" — Nachtrag