Vertuschung in spanischen Atomkraftwerken

Ralf Streck 22.07.2008 08:29 Themen: Atom
Immer öfter kracht es in spanischen Atomkraftwerken. Wie oft und mit welchen Schäden für Mensch und Umwelt, bleibt nicht selten unklar, weil die spanische Atomaufsicht (CSN) ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist oder ihr nicht nachkommt. Schwere Unfälle werden oft mit großer Verspätung bekannt, wenn Arbeiter die Vorfälle den Umweltorganisationen melden, wie zuletzt in Ascó. Vielleicht hat der sozialistische Regierungschef deshalb seine Position gegen die Renaissance der Atomkraft ( http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28308/1.html) bestätigt, weil weder die Aufsicht funktioniert und die Endlagerfrage völlig ungelöst ist.
Die Störfallserie in spanischen Atomkraftwerken reist nicht ab. Am Montag musste erneut das Atomkraftwerk Vandellòs in der Provinz Tarragona vom Netz genommen werden. Kürzlich gab es einen Feueralarm und auf einem Lastwagen wurde radioaktiv verseuchte Erde registriert. Die Betreiber haben der Aufsichtsbehörde (CSN) einen "Punkt" mit radioaktiver Aktivität auf dem Gelände gemeldet. Woher die Kontamination stammt, muss untersucht werden.

Mit den beiden Reaktoren im nahen Ascó führen die Meiler in Katalonien die Störfallliste der acht spanischen Meiler an. In Ascó kommt es seit einem Jahr immer wieder zu großen Problemen. Im Juli scheiterte das Anfahren von Ascó I schon drei Mal wegen technischer Probleme. Seit 40 Tagen wird kein Strom erzeugt.

Zwar spricht die CSN von einer unglücklichen Problemhäufung, dabei stellte sie in einem Bericht erst kürzlich fest, dass es von Januar bis Juni mindestens 34 Störfälle gab. Die Rekordmarke von 50 im Jahr 2007 wird dieses Jahr wohl problemlos gebrochen und der letzte schwerere Unfall in Ascó weitet sich zum Super-Gau für die Aufseher aus. Die Umweltorganisation Greenpeace erklärt, die CSN habe dem Betreiber Endesa geholfen, einen Störfall zu verheimlichen, bei dem größere Mengen radioaktives Material freigesetzt wurden.

Nach Auswertung von CSN-Daten stellte Greenpeace fest, dass auch deren Messstationen, auch Hunderte Kilometer entfernt, die erhöhte Radioaktivität am 29. November 2007 registrierten. Doch die CSN blieb untätig und wurde erst aktiv, nachdem Greenpeace den Unfall im April 2008 aufdeckte. Arbeiter aus Ascó hatten die Organisation informiert. Die CSN wiegelte jedoch schnell ab und erklärte, die ausgetretene Strahlung sei unerheblich. Doch Greenpeace rechnete vor, dass wegen der Halbwertszeiten nach Monaten nur noch ein kleiner Teil gemessen werden könne.

Der Grünen-Abgeordneten Joan Herrera wirft den Betreibern "Absicht" vor und bezieht sich auf Daten, die der katalanischen Regierung vorliegen. Die hätten die "Eichung und das Alarmsignal" verändert, um die "Radioaktivität nach außen zu leiten". Er fordert Aufklärung über das ganze Ausmaß des Vorfalls und fordert angesichts des verantwortungslosen Umgangs von allen Seiten die sofortige Stilllegung der Reaktoren in Katalonien.

In Spanien wurden 2007 so viele Störfälle registriert wie in Frankreich oder den USA, wo ungleich mehr Atomkraftwerke betrieben werden. Die Störfälle häufen sich, weil der Kraftwerkspark die vorgesehne Laufzeit von 30 Jahren längst überschritten hat. Um Gewinne zu maximieren, wurden zudem erfahrene Arbeiter in Frührente geschickt und durch billige Leiharbeiter ersetzt und es wird nur wenig in die Instandhaltung investiert. Strafen bei Verstößen gegen die Sicherheitsauflagen sind gering, es kommt billiger sie zu bezahlen, als die Auflagen zu erfüllen. So lief der 37 Jahre alte Reaktor in Vandellòs 2005 ein halbes Jahr weiter, obwohl radioaktive Flüssigkeit auslief. Täglich wurde etwa eine Million Euro verdient, die Strafe belief sich auf 1,6 Millionen Euro.

Mit effektiven Sicherheitsmaßnahmen könnte die sozialistische Regierung dem Ausstiegsversprechen näher kommen. Ohnehin wurde in Spanien 2007 deutlich weniger Strom über Atomkraftwerke als über erneuerbare Energien produziert. Da die weiter ausgebaut werden dürfte sich der Abstand 2008 noch vergrößern.

Weitere Informationen zu den Problemen Spaniens mit der Endlagerung und zu Frage, ob weiter auf Atomkraft gesetzt wird, in einem ausführlichen Artikel hier:  http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28366/1.html

© Ralf Streck, 18.07.2008
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Ergänzungen

Dritte Atompanne in Frankreich

Ralf Streck 22.07.2008 - 18:25
Dritte Atompanne in Frankreich

Ralf Streck 22.07.2008
Beim dritten Unfall in nur zwei Wochen sind 15 Menschen radioaktiv belastet worden
In Frankreichs Atomanlagen kommt es immer öfter zu Pannen. Schon zum dritten Mal in zwei Wochen kam es am Freitag zu einem Zwischenfall. Dabei wurden bei 15 Mitarbeitern im Atomkraftwerk Saint-Alban/Saint-Maurice "leichte Spuren" einer Verstrahlung festgestellt, gab der Betreiber, der große Stromkonzern EDF, am Montag zu.
 http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28383/1.html

Keine Angst vorm Atom

Extra 3 23.07.2008 - 21:27

Schon wieder ein Atomunfall in Südfrankreich

http://www.rczeitung.com 24.07.2008 - 21:49
Zum vierten Mal in 14 Tagen sorgt ein Atom-Störfall für Verunsicherung in der Bevölkerung, doch die Behörden beschwichtigen

Ein weiterer, alarmierender Atomunfall ereignete sich am gestrigen Mittwoch gegen 9.30 Uhr im Kernkraftwerk Tricastin nördlich von Avignon. Bei Wartungsarbeiten traten aus einem abgeschalteten Reaktor radioaktive Kobaltpartikel aus, 100 Mitarbeiter des Konzerns wurden kontaminiert. Grund war ein Leck in einer Leitung.

Die Atomaufsichtsbehörde ASN (Autorité de sûreté nucléaire) stufte den Vorfall provisorisch auf 0 auf der von 0 bis 7 reichenden Störfallskala ein. Die radioaktive Strahlung, mit der die Mitarbeiter in Berührung kamen, sei «unbedenklich» und liege 40-fach unter dem zulässigen Grenzwert, beschwichtigen Sprecher des Stromkonzerns EDF (Electricité de France) und der ASN. Die Bevölkerung ist jedoch verunsichert. Die Angst vor Partikeln im Grundwasser und in den Lebensmitteln nimmt zu. Winzer der Region sehen sich mittlerweile gezwungen, eine neue Herkunftsbezeichnung für ihren Wein einzuführen, da der Name Tricastin zunehmend mit Verstrahlung und Krebsgefahr assoziiert werde.

In nur zwei Wochen ist dies jetzt schon der vierte „Störfall“ in einem französischen Atomkraftwerk. Am 8. Juli liefen in Tricastin 30 Kubikmeter Uranlösung aus einem undichten Kessel aus, die Flüssigkeit gelangte zum Teil in zwei Flüsse (die RCZ berichtete am 9. Juli). Ende vergangener Woche wurden in der Fabrik Socatri im Südosten Frankreichs 15 Mitarbeiter durch versehentlich ausgetretenes radioaktives Material verstrahlt. Nur wenige Tage später entwichen in einer Brennstäbefabrik in Romans-sur-Isère (Region Grenoble) zwischen 120 und 800 Gramm Uran aus einer gebrochenen Leitung.

Die zuständigen Behörden scheint die Quantität derartiger Pannen nicht zu schocken. Jedes Jahr werden in Frankreich ungefähr 800 «Stufe-0»-Vorfälle registriert, von denen in 150 Fällen Menschen involviert sind. Normalerweise wird diesen kleinen, angeblich harmlosen «Unregelmäßigkeiten», kaum Beachtung geschenkt. Doch diesmal betreffe es besonders viele Menschen, deswegen seien die «leicht kontaminierten» Mitarbeiter aus Tricastin evakuiert und in Krankenstationen medizinisch untersucht worden. Also war der Unfall doch nicht vollkommen ungefährlich?

Die Angst vor der unsichtbaren Bedrohung dürfte jedenfalls weiter wachsen, solange es keine 100-prozentige Sicherheit vor Strahlenerkrankungen gibt.

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