Auch in Spanien beginnt das große Sterben

Ralf Streck 16.07.2008 08:32 Themen: Globalisierung Weltweit
Das Platzen der Immobilienblase führt zu einer der größten Firmenpleiten in der spanischen Geschichte. Während in den USA die Verstaatlichung von maroden Banken begonnen hat, die stark Geschäft mit faulen Immobilienkrediten tätig war. Mit Indymac ist der größte börsennotierte US-Baufinanzierer kollabiert und die beiden größten US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac könnten folgen, die aber eher besser abgesicherte Kredite vergeben haben. Am Wochenende mußte auch die dänische Notenbank eingreifen, um die Bank Roskilde in höchster Not vor der Insolvenz zu retten. Nun stehen die Zeichen deutlich auf Weltwirtschaftskrise, auch Deutschland und Frankreich bewegen sich auf eine Rezession zu, in der die USA, Großbritannien, Irland, Dänemark schon stecken, Italien und Portugal dürften folgen.
Wer gehofft hatte, dass sich die platzende Immobilienblase in Spanien anders auswirken würde als in den USA, wird enttäuscht. Nun musste die Immobilien-Gesellschaft Martinsa-Fadesa Konkurs anmelden. Dem Immobilienriesen war es nicht gelungen, einen neuen Kredit über 150 Mio. Euro zu beschaffen, um ein mit den Gläubigern ausgehandelte Umschuldung abzusichern. (http://www.elperiodico.com/default.asp?idpublicacio_PK=46&idioma=CAS&idnoticia_PK=527018&idseccio_PK=1009&h=)

Im Mai hatte die Firma ein Abkommen mit 45 Finanzinstituten zur Refinanzierung von mehr als 4 Milliarden Euro abgeschlossen. Neue Projekte sollten im Ausland (Marokko, Ungarn, etc) gestartet werden, um fern vom Krisenmarkt Spanien wieder Gewinne zu machen. Der Riese war erst im März 2007 entstanden, als Matinsa sich die Fadesa einverleibte. Mehr als zwei Milliarden zahlte man, um die Aktienmehrheit von Fadesa zu übernehmen und zum Branchenführer zu werden.

Die Aktien der Firma waren am Montag vom Handel an der Börse ausgesetzt worden, nachdem die Papiere erneut um 25 Prozent gefallen waren. Der Konzern wurde noch mit 680 Millionen Euro bewertet, dabei wurde sein Vermögen am Jahresende noch mit elf Milliarden Euro bewertet. Über 170.000 Wohnungen und fast 29 Millionen Quadratmeter Bauland verfügte die größte Immobilienfirma.

Dass es jetzt auch die Riesen trifft, zeigt das Ausmaß der Krise an, die sich ähnlich entwickelt wie in den USA. Niemand will mehr Geld in Firmen stecken, obwohl die über ein erhebliches Vermögen verfügen. Angesichts fallender Preise sind die Immobilien und das Bauland unverkäuflich und so kommt die Abwärtsspirale weiter in Fahrt.

Die Pleiten in der spanischen Bau- und Immobilienbranche werden nun die spanischen Banken zu spüren bekommen. Sie waren von der Hypothekenkrise der USA kaum betroffen, denn sie hatten vor allem im heimischen Bauboom spekuliert. Bei Martinsa-Fadesa fallen vor allem vier bekannte spanische Namen: Banco Popular, Caja Madrid, La Caixa, Ahorro Corporacion und dazu kommt Morgan Stanley. Allein die Caja Madrid soll der Firma eine Milliarde Euro geliehen haben. Carlos Vela ein Führungsmitglied der Caja Madrid und zuständig für die Kredite, war letztes Jahr zu Martinsa gewechselt und kehrt nun wieder zur Bank zurück.

Nun kommt auch auf die spanischen Banken eine schwierige Zeit zu. Neben den Pleiten im Immobilien und Bausektor machen ihnen vor allem die steigenden Ausfälle bei den Privatkrediten zu schaffen. Wie in den USA wurden auch in Spanien viele Kredite an viele Familien für völlig überteuerte Immobilien gewährt. Die können sie oft nicht mehr bedienen. Letzte Woche sagte der Präsident der Caja Madrid: "Es ist nicht so, dass wir Säumigkeit bekommen, sondern sie galoppiert schon", sagte Miguel Blesa (http://www.elmundo.es/mundodinero/2008/07/09/economia/1215608277.html). Bis zu vier Prozent der Kredite könnten alsbald ausfallen, wird gewarnt. Von mehr als 20 Milliarden fauler Kredite wird gesprochen.

Experten sagen, bei 5 Prozent werde es eng und "Banken und Sparkassen im Besonderen, bekommen große Probleme", sagte der Ökonomieprofessor Pompeu Fabra http://de.indymedia.org/2008/04/212370.shtml. Eine schnell steigende Arbeitslosigkeit (http://de.indymedia.org/2008/06/219089.shtml) und Inflation, steigende Kreditzinsen (http://de.indymedia.org/2008/04/212827.shtml) und die sich abzeichnende Rezession, daraus entsteht in Spanien nun ein ähnlich brisanter Cocktail wie in den USA.

In der Nacht auf den Samstag war die kalifornische Bausparbank Indymac zusammengebrochen war. Es sei die zweitgrößte Bankenpleite in der Geschichte der USA (http://www.latimes.com/business/la-fi-indymac12-2008jul12,0,6071779.story) und bereits der fünfte Zusammenbruch eines Geldhauses in diesem Jahr. Am Freitag hatten viele besorgte Anleger ihr Geld zurückverlangt, weshalb die US-Einlagensicherungsbehörde (FDIC/http://www.fdic.gov) schließlich die Kontrolle übernahm und das Geldhaus verstaatlichte (http://www.fdic.gov/bank/individual/failed/IndyMac.html).

Die FDIC rechnet, dass diese Pleite zwischen 4 und 8 Milliarden Dollar kosten wird, womit schon etwa zehn Prozent des FDIC-Sicherungsfonds verbraucht wären. Über die Sicherung der Einlagen sind gewöhnlich Guthaben bis zu 100.000 Dollar pro Anleger rückversichert, im Fall eines Sparplans zur Rentensicherung bis zu 250.000 Dollar. Es wird aber geschätzt, dass von etwa 19 Milliarden Dollar Einlagen etwa eine Milliarde Dollar nicht abgedeckt sind, wovon etwa 10.000 Kunden betroffen sein sollen. Die FDIC versucht die besorgten Sparer zu beruhigen und erklärte, ihr Geld wäre sicher und stände im Laufe des Montags zur Verfügung. "Business as usual" nannte John Bovenzi den Vorgang, der von der FDIC zum Vorstandsvorsitzenden von IndyMac ernannt wurden (http://www.latimes.com/business/investing/la-fi-indymac14-2008jul14,0,350864.story).

Wenn Zusammenbrüche von großen Finanzinstituten zum täglichen Geschäft gehören, dann ist das die Beschreibung für den Normalzustand einer schweren Krise. Mit IndyMac ist nun auch das in den USA eingetreten, was schon im Winter der britischen Bank Northern Rock passierte (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27126/1.html). Im Fall der US-Bank Bear Stearns konnte durch die Intervention der Notenbank (FED) noch das Gesicht gewahrt werden, indem Bear Stearns dazu gedrängt wurde, ihrem Notverkauf zuzustimmen (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27520/1.html). Doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. die immer dramatischer werdende Krise lässt sich immer schwerer verdecken. Selbst das Glätten der Wogen wird immer schwieriger, die Effekte der Hilfszusagen wirken immer kurzfristiger. Letzte Woche gelang es der FED erneut die Börsen mit der Ankündigung von neuen Hilfsmaßnahmen für angeschlagene Institute kurz beruhigen können.

Ohnehin ist zu erwarten, dass neben den zahllosen kleineren Finanzinstituten, die schon bisher zusammengebrochen sind, nun auch weitere große folgen dürften. Bis zu 300 Banken sollen zu den Kandidaten gehören. Viele angeschlagene Finanzhäuser werden nun auch durch Zusatzlasten schwer belastet, die durch höhere Sicherungsbeiträge von Seiten der Eigensicherungsbehörde drohen. Das Sterben von Banken und Finanzinstituten hat wohl nun erst so richtig begonnen.

Während IndyMac im Immobilienboom der vergangenen Jahren viele Darlehen an Kunden gewährte, die nur geringe Sicherheiten boten, hat die Kreditkrise längst diesen Sektor verlassen. Inzwischen sind offiziell die Berichte bestätigt, dass die beiden größten US-Hypothekenfinanzierer massive Zahlungsschwierigkeiten haben (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28286/1.html). Letzte Woche warnt die Investmentbank Lehman Brothers (http://www.lehman.com). Die beiden größten Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac benötigten eine Finanzspritze von 75 Milliarden Dollar ab.

Beide mussten bereits Verluste von insgesamt zwölf Milliarden Dollar in Kauf nehmen. Dass erneut ein erheblicher Kapitalbedarf besteht, hat mit der Tatsache zu tun, dass eine geplante Änderung der Bilanzierungsstandards auch sie zwingen soll, verbriefte Verbindlichkeiten in die Bilanzen zu nehmen. Die werden von Banken und Hypothekenfinanzierer gern ausgelagert. Zwar wurde deren Offenlegung immer wieder gefordert, doch bisher fehlt die Offenheit. So dürften insgesamt weitere Verbindlichkeiten in dreistelliger Milliardenhöhe zu Tage treten. Von Seiten der FED und der Regierung werden gerade neue Hilfspakete für Freddie Mae und Freddie Mac geschnürt, die mit 5,2 Billionen Dollar für fast die Hälfte aller Immobilienkredite garantieren, die in den USA vergeben wurden.

Nach Angaben von verschiedenen Medien wird darüber diskutiert, die beiden halbstaatlichen Finanziere ebenfalls zu verstaatlichen. Der Ex-Präsidenten der FED von St. Louis, William Poole erklärte, die Verbindlichkeiten von Freddie Mac Ende seien zum Beispiel im ersten Quartal 5,2 Milliarden Dollar höher ausgefallen als die Vermögenswerte. Bei Fannie Mae sei dies wohl im zweiten Quartal der Fall, weshalb Poole sie als "zahlungsunfähig" erklärte (http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601103&sid=aj989xCvg8fE&refer=news). "Der Kongress sollte einsehen, dass diese Unternehmen zahlungsunfähig sind. Sie bestehen als Festungen der Privilegierten fort, finanziert durch die Steuerzahler", sagte Pool (http://www.tradingmarkets.com/.site/news/TOP%20STORY/1753551). Eine staatliche Rettung werde immer wahrscheinlicher. In diesem Jahr haben die beiden Institute zusammen Verluste von gut 11 Milliarden Dollar eingefahren.

Von einer möglichen Verstaatlichung der beiden Immobilienfinanzierer, will die US-Regierung angeblich nichts wissen. Hand in Hand mit Fannie Mae und Freddy Mac, versucht auch Paulson, den Spekulationen über die drohenden Riesenpleiten zu beseitigen. Dabei wurden bei den Krisengesprächen in vergangenen Tagen, die auf höchster Ebene geführt wurden, alle Möglichkeiten ins Auge gefasst. Es wurde sogar über ein Gesetz debattiert, womit die Regierung für die gesamten Einlagen der beiden Hypothekenfirmen gerade stehen sollte. Das würde die immensen Staatsschulden der USA noch einmal verdoppeln

Die US-Regierung und die Notenbank haben einen neuen Stützungsplan angekündigt. Das staatliche Kreditvolumen soll für die beiden Institute von jeweils 2,25 Milliarden Dollar (1,4 Milliarden Euro) "vorübergehend" erhöht werden (http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601103&sid=apoEPTtjoPgI&refer=us). Falls erforderlich, wolle auch die US- Regierung Anteile der beiden kaufen, wenn dies zur Stärkung der Kapitalbasis nötig sei. Paulson will damit das "Vertrauen in die Stabilität des Finanzsystems und der Finanzmärkte" stärken. (http://www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601103&sid=ak67v9MPRZ0E&refer=us).

Wie nicht anders zu erwarten war, macht auch seine FED wieder bei den Hilfsmaßnahmen mit. Die nimmt den Banken inzwischen ja sogar höchst zweifelhafte Papiere als "Sicherheiten" ab. Die Notenbank springt ebenfalls mit einer Notfall-Finanzspritze ein und bietet Fannie Mae und Freddie Mac den Zugang zum günstigen Diskont-Kreditprogramm an. So erhalten auch die Hypothekenbanken nun Kredite für den Diskontsatz von 2,25 Prozent. Diese günstige Form der Refinanzierung steht eigentlich nur normalen Geschäftsbanken zur Verfügung.

Wieder einmal steht also der Staat für die Verluste von Privatfirmen ein. Anders kann man die gesamten Hilfsmaßnahmen kaum beschreiben. "Sozialismus für Reiche", nannte das sogar der angesehene Hedgefonds-Manager Jim Rogers (http://www.welt.de/welt_print/article1802284/Das_ist_Sozialismus_fr_Reiche.html). Andere Nationalisierungen lehnt die US-Regierung aber scharf ab, mit denen in Bolivien (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25740/1.html) und Venezuela (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27288/1.html) die Bevölkerungen am Reichtum der Länder beteiligt werden. Es gilt das Motto: Gewinne werden eingestrichen, Verluste sozialisiert.

Doch so wird die Krise nur verschärft, verschoben und internationalisiert. Gelöst werden sie nicht. Der angesehene US-Ökonom Nouriel Roubini (http://de.indymedia.org/2008/04/212370.shtml) kündigte das unvermeidliche schon im Frühjahr in einem Interview an: "Etliche Banken werden einfach zusammenbrechen, wenn wir sie nicht verstaatlichen. Das kostet den Staat eine Unmenge, doch er hat sowieso ein Problem: Ob er nun Banken verstaatlicht, faule Kredite kauft oder die nächste Welle abwartet: Es wird teuer und ziemlich schlimm. Es geht nicht mehr ohne einen großen Eingriff." (http://www.faz.net/s/RubC9401175958F4DE28E143E68888825F6/Doc~EC35ECCF5D50342AC9DADF9E46FB82DED~ATpl~Ecommon~Scontent.html)

© Ralf Streck, Donostia den 16.07.2008

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Ergänzungen

Korrektur noetig

DRF 16.07.2008 - 11:35
Zitat: "Fannie Mae und Freddie Mac könnten folgen" - eher nicht, da die USA gerade diesen Firmen praktisch uneingeschraenkte Kreditlinie eingeraeumt haben. Diese Firmen besizten etwa 50% der "Morgages" in den USA.

Praktisch handelt es sich aber

Ralf 16.07.2008 - 18:43
schon jetzt um ne Verstaatlichung, aber ohne die negativen Wirkungen wie bei IndyMac. Dann hätten nämlich Anleger Geld über 250.000 Dollar verloren und ohnehin hätte der Schutzfonds das gar nicht abgedeckt, weshalb man damit eingeräumt hätte, dass das Finanzsystem kollabiert. Man wird jetzt die Druckerpresse anwerfen, das nötige Geld drucken und über die Inflation alle bezahlen lassen, weil man das nicht so nennen kann, wie es tatsächlich heißt. Die Probleme macht man aber bei Bush nur größer! Aber das ist ja auch nix neues.