Gorleben- Barrierensystem bricht ein

Wolfgang Ehmke 16.07.2008 06:02 Themen: Atom Ökologie
Endlager Gorleben - Mehrfachbarrierensystem bricht ein


Die Endlagerkonzeption für Gorleben steht offensichtlich vor
einer wesentlichen Änderung. Obwohl die Bauarbeiten auf der
Endlagerbaustelle bis zu einem Ablauf des Moratoriums ruhen
und die Entscheidung offen ist, ob alternativ zu Gorleben nicht
auch andere Standorte und Gesteinsformationen als Salz auf
eine Eignung hin untersucht werden, erprobt die Gorleben-
Betreiberin, die Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb
von Endlagern (DBE), die Endlagerung hochradioaktiver
Abfälle im Salzgestein.
Hochradioaktive Abfälle - Brennelemente und verglaster Müll - sollen nun als Kokillen
ohne weitere Abschirmung in Bohrlöchern versenkt werden.
Damit entfiele eine der vier Barrieren, die ein Austreten von
Radioaktivität in die Biosphäre verhindern sollen. Auf
entsprechende Versuche verwies der Diplomphysiker
Wolfgang Neumann (Gruppe Ökologie Hannover) auf einer
Veranstaltung von Bürgerinitiativen aus dem Raum Asse,
Salzgitter und dem Wendland, die sich am Wochenende zu
einem zweitägigen Fachkonferenz in Lüchow trafen.

Die DBE erprobe in ihrer Versuchsanlage in
Landsbergen/Weser, einem alten Kohlekraftwerk, das
Hantieren mit den sogenannten BSK-3-Kokillen. Bisher sollten
die Castorbehälter nach einer längeren Lagerzeit - die
Castoren sind lediglich Transport- und Lagerbehälter - in der
Pilot-Konditionierungsanlage (PKA) Gorleben entladen und in
Pollux-Behälter - die Endlagerbehälter - umgepackt werden.
Die dickwandigen Pollux-Behälter galten als erste Barriere in
einem Mehrfachbarrierenkonzept bei der Endlagerung
radioaktiver Abfälle. Nun würden lediglich Abschirmungen beim
Hantieren mit den BSK-3-Kokillen verwandt, um die
Strahlenbelastung des Personals zu minimieren, erfuhren die
Seminarteilnehmer. Auf ein Zerschneiden der Brennstäbe
würde verzichtet, diese würden in voller Länge im Salzgestein
eingelagert - am Ende behälterlos.

Die Barriere Deckgebirge hat bei der Endlagersuche eine
wichtige Funktion. Der Hannoveraner Geologe Dr. Detlef
Appel unterstrich, dass das Deckgebirge über dem Salzstock
Gorleben keinen zuverlässigen Rückhalt gäbe, wenn
radioaktiv belastete Lauge über Wasserwegsamkeiten aus
dem geplanten Endlager in die Biosphäre ausgepresst
würden. Das mögliche Zusammenspiel von wasserführenden
Zonen, insbesondere dem Hauptanhydrit, in genau den Tiefen,
in denen hochradioaktiver Müll im Salz versenkt werden soll,
mit wasserleitenden Schichten im "desolaten Deckgebirge",
sei ein großes Manko des Salzstocks. "Aus meiner
geowissenschaftlichen Sicht ist Gorleben nicht eignungshöffig
", warnte der Referent. Dazu käme, dass es noch keine
vergleichende Untersuchung verschiedener Standorte
gegeben habe, das Auswahlverfahren Gorleben sei nicht
nachvollziehbar. Dr. Appel: "Es gibt keine
Verfahrensgerechtigkeit".

Die Havarie der Atommüllendlager Asse II und in Morsleben -
dort bricht Wasser ein - und das Aufweichen der
Sicherheitsanforderungen an die Endlagerung radioaktiver
Abfälle bestimmten die Debatte unter den 60
Seminarteilnehmerinnen. "Der Verzicht auf zwei von vier
Sicherheitsbarrieren ist, wenn Lehren aus Asse II und
Morsleben gezogen werden, ein Vabanquespiel", resümiert die
Bürgerinitiative. "In die Asse bricht Lauge , in Gorleben
brechen die Sicherheitsbarrieren ein." Die Debatte um
Sicherheitskriterien bei der Endlagersuche werde man auf dem
Symposium Ende Oktober, zu dem der Bundesumweltminister
Sigmar Gabriel verschiedene Akteure einlädt, argumentativ
und demonstrativ führen. "Wir wollen dafür sorgen, dass
Gorleben mit Ablauf des Moratoriums endgültig aufgegeben
wird", so ein BI-Sprecher.

Wolfgang Ehmke 0170 510 56 06
Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg e.V.
Geschäftsstelle:Drawehnerstr. 3
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