Aus, Schluss und vorbei - das war der 1. Mai

brutalstmöglicher aufklärer 02.05.2005 15:18 Themen: Soziale Kämpfe
(Berlin) Das war´s dann wohl. Nachdem sich in den letzten Jahren die Mehrheit der Berliner Linken immer mehr von den Krawallen rund um den 1. Mai distanziert hat, blieb jetzt ein harmloses unpolitisches Ritual-Geplänkel – mit einer erstaunlich gut funktionierenden Polizeitaktik. Das einstmalst politische Ritual geht nach 19 Runden in die Knie.
Der 1. Mai. Erinnerungen an durchgedrehte Polizisten, die Familienfeste mit Tränengas und Knüppeln traktieren, zusammengeschlagene Journalisten, stundenlange Kessel, dutzende brennende Autos, zwölfstündige Auseinandersetzungen, 15 000 Menschen auf der Revolutionären 1. Mai-Demo und konkrete politische Forderungen. Das war einmal.

Seit mit dem Personenbündnis 2002 von links die Frage aufgeworfen wurde, ob der 1. Mai noch politisch ist, hat ein Umdenken eingesetzt. Zwar wurde das Grottian-Konzept eines polizeifreien Kreuzbergs nie umgesetzt, dennoch haben sich Bezirk, Polizei und Bürger Teile der Ideen zu Eigen gemacht. Wie das Straßenfest oder die Vernetzung mit den Anwohnern. Dennoch war das "Myfest" nie von unten organisiert – sondern eine halbstaatliche Befriedungsfeier, die wegen der Sinnentleerung des 1. Mai auch in großen Teilen der Linken toleriert wurde.

Interessanterweise hat auch die Polizei nach vielen Jahren erkannt, dass sie mit wilden Knüppelorgien gegen Unbeteiligte und ihrem aggressiven Auftreten immer nur den Zusammenhalt in Kreuzberg gefördert hat. Nun nennt sie ihre Strategie "Die ausgestreckte Hand". Ausgestreckte Hand - das bedeutet massive Präsenz, unglaublich viele Zivilpolizisten, neonbewestete Pseudo-Kuscheleinheiten namens "Anti-Konflikt-Team". Ausgestreckte Hand bedeutet – extreme Vorkontrollen, kein Flaschenbier, aber auch zurückhaltendere Polizisten. Ausgestreckte Hand bedeutet letztlich aber "Bullenfeste" unter totaler Kontrolle.

Vielen Beobachtern am Boxhagener Platz in der Walpurgisnacht und am 1. Mai in Kreuzberg stellte sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist (und Spaß macht) in so kontrollierter Polizeistaatsatmosphäre zu feiern. Seit spätestens dem Bush-Besuch ist aber auch eine andere Polizeitaktik bei Ausschreitungen zu beobachten. Einerseits wird mit technischen Mitteln (Video, etc.) und dem Einsatz von Zivilpolizisten eine Atmosphäre der Angst und Überwachung geschürt. Kleine Festnahmeeinheiten greifen sich mutmaßliche Steinewerfer heraus, während die Hundertschaften keine wirkliche Front (und damit Angriffsfläche) aufbauen, sondern sich ziemlich schnell in kleineren Gruppen unter die Leute mischen. Es ist zwar widerlich, dass die Polizei Menschen als Deckungsmasse gegen Steine und Flaschen missbraucht, aber letztlich sogar deeskalierend, zumal die übrig gebliebenen Krawällchen total unorganisiert sind.

Angesichts der unpolitischen Gewalt zum 1. Mai unter Beteiligung von Hooligans, Oi-Skins und "Jetzt geht´s los" schreienden Knallköpfen, ist die Linke gut beraten, sich Gewalt als letztes Mittel für wichtigere Dinge aufzubewahren. Zumal Absprachen zwischen Richtern und Staatsanwaltschaft den Preis für eine Beteiligung an sinnfreien "Jetzt geht’s los" – Krawallen mit Schnellverfahren und drakonischen Strafen drastisch in die Höhe getrieben haben. Wenn sich die Polizei zusammen mit den Myfest-Befriedern und der Politik jetzt selbst feiert, wird unter den Tisch fallen gelassen werden, dass die Linke selbst und bewusst ihren Anteil daran hat, dass der 1. Mai bald komplett friedlich verlaufen wird. Und vielleicht krachts ja irgendwann wieder. Einfach mal nen Opel Corsa umwerfen ist eben keine Revolution.
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Ergänzungen

Zum Auto

Anwohner 02.05.2005 - 15:59
Eine Bekannte von mir, die an der Feuerwache an einem Kiosk arbeitet, erzählte mir, daß das umgekippte Auto einer Familie gehört, bei denen beide Eltern (haben 2 Kinder) Arbeitslos sind und ALG2 erhalten. Das Auto gab Hoffnung, wieder einen Job zu bekommen.
Es wäre schön, wenn Leute ausm Kiez und einige Linke mit Gewissen mit Geldsammeln anfangen würden. Von den verrückten Kommiesekten, die so einen unsinn auch noch revolutionär finden, wird es keine Einsicht geben. Sie reden ihre Aktion schön und sind stolz auf jede kaputte Scheibe. Deswegen sollten wir handeln.

Warum zeigt alle Welt das Auto?

... 02.05.2005 - 17:14
Bei aller Kritik die man an den ganzen Vorgängen rund um den 1.Mai in Berlin haben kann/muss, aber ich finde es extrem traurig das in jeder Zeitung und natürlich auch auf Indy dieses Auto so thematisiert wird.
Jeder der zu diesem Zeitpunkt in der Nähe war bzw. an der Spontandemo teilgenommen hatte, wird bemerkt haben ,das ein Großteil der umstehenden Leute die sache mit dem Auto total daneben fanden.
Oder was ist mit diesen beiden Witzfiguren (einer davon mit Sturmhaube auf) die an der Tankstelle versucht hatte, die Massen zum was-auch-immer aufwiegeln wollten. Diese beiden waren auf Stress und Kiddierandale aus, aber auch da haben die Leute eher über diese Würstchen gelacht.
Warum wird nicht thematisiert das entgegen alle Pressehetze eine Demo und das MyFest gleichzeitig stattfinden konnten? Wo war denn das "Linke wollen das myfest sprengen"?
Kaum ein Teilnehmer des myfeste schien großartig etwas gegen die Demo zu hagen, die mitten durch die Massen auf dem fest ging. Auch das diese Spontandemo endlich mal raus aus so36 ging, war etwas positives (und wieder gilt: egal was man nun vom Inhalt der Demo hielt).

Was am späten abend dann in der Oranienstraße los war, ist nicht weiter verwunderlich...das übliche halt..nur deutlich geringere Intensität.
Sich jedes Jahr darüber aufzuregen ist sinnlos...

Wo steht denn was von der York59-Demo am Mittag, die ganz relaxed mit doch relativ gesehen vielen Teilnehmern und jede Menge Redebeiträgen durch den Bezirk ging?
Alles Welt geilt sich an den paar Randalebildern auf, anstatt die überwiegend postiven Dinge rauszugreifen.

Egal, wollte ich nur mal loswerden...

geld von den medien

revilo 02.05.2005 - 17:41
vielleicht sollten mal die herbeigeeilten medienvertreter einen finanziellen beitrag leisten - pure unpolitische zerstörungswut von den staatlichen medien gefördert- gefordert, um die eigenen einschaltquoten zu erfüllen -

der autor hat recht

augenzeuge 02.05.2005 - 18:02
der erste auslöser z.b. für die nach der autoumkipperei stattfindende randale am heinrichplatz war z.b., daß ein testosteron-überschuß leidender junger prolomacker anfing, einen harmlosen langhaarigen, der am rand stand und das "wir-sind-harte-hip-hop-gangster-und-machen-dicke-arme-und pfeiffen-frauen-nach"-gehabe abschätzig betrachtete, angriff und verprügelte, inkl. tritte zum kopf des bereits liegenden usw.

die bullen bekamen das mit, rannten hin, und die eben noch aggressive proloclique find mit "haut ab, haut abb" rufen an, zwei minuten später flogen flaschen von ihnen aus über die bullen hinweg zwischen die passanten auf der anderen strassenseite.

wenn die politischen gruppen den ersten mai so vernachlässigen wies dieses jahr wird er eben von vollidioten okkupiert

Bullentaktik

Jaja 02.05.2005 - 18:10
Die Analyse zum traditionellen 1. Mai ist an dieser Stelle zwar noch etwas kurz aber in einigen Aspekten auch nicht falsch.
Andererseits gab auch an diesem Ersten zum Teil ziemlich brutale Übergriffe und Festnahmen durch die Berliner (natürlich nicht nur durch Berliner) Polizei.

Zu der Taktik der Polizei: kleinere Festnahme-Einheiten mischen sich in den Demo-Mob und bieten somit keine Angriffsfläche.

Diese Taktik wurde zum Teil auch in Leipzig versucht und dort konnten trotzdem an vielen Stellen die Cops offensiv und militant angegriffen bzw. zeitweise vertrieben werden.
Und ein geschlossener Mob bieten keinen Bullen die Möglichkeit sich dort ein zu schleichen !

Konsequenzen

antifa 02.05.2005 - 19:08
Ich stimme dir voll und ganz in deiner Analyse zu. Trotzdem darf die radikale Linke den 1. Mai nicht fallen lassen und nur zum bloßen Fighter gegen Nazi- Demos werden. Das sollte eben Teil eines breiteren Konzeptes sein, das die AAB, und in den vergangenen beiden Jahren die ALB und KP Berlin z.T. fortgeführt haben.
Unpolitische Krawalle mit Hool- beteiligung, bei denen der eigene Kiez zerstört wird, sind sinnlos. Die radikale Linke sollte für 2006 nachdenken: Warum ist Kreuzberg Dreh- und Angelpunkt. Warum kann man nicht von Kreuzberg mit Leuten aus dem Kiez nach Mitte. Man sollte über das EuroMayDay - Konzept nachdenken und eine geeignete Übersetzung für Berlin finden.

Im Kreuzberger Kessel wird der 1. mai keine Zukunft haben - so viel steht nach dem 1. mai 2005 fest. Doch der 1. Mai mit seiner langen Geschichte in Berlin sollte modernisiert werden, den Gegenbenheiten angepasst werden. So wie man Mitte der 90er nach Mitte ging, 1999 nach So36 zurückkehrte.

Für eine sinnvolle und breitangelegte Debatte über den 1. Mai 2006

Berlin bleibt rot!

neue richtung - 1.mai aktion überzeugend

8.mai 10 uhr 02.05.2005 - 19:27
die meisten beiträge hier sind wohl für alle, die bei der demo dabei waren, und es waren wohl zwischen 3ooo und 5000 leute - bei einer unangemeldeten spontandemo - nicht nur nicht nachzuvollziehen, sondern einfach sehr dumpf.
es war das erste mal seit langem, dass eine demo raus aus kreuzberg zog, richtung mitte, und die nur durch die überraschte polizei, die erst am springer haus eine blockade zustande brachte, vor dem einzug in die friedrichstrasse / potsdamer platz gehindert werden konnte. diese demo war eine überraschung, nicht nur für die polizei, sondern auch für die die mitgelaufen/gerannt sind. es war seit langem wieder eine gtue, überzeugende revolutionäre 1. mai demo und es gibt keinen grund, diese mit ritualisierten ausschreitungen inkreuzberg mitte in verbindung zu bringen, es war vielmehr geschafft, eine neue situation zu erzeugen, die die richtung weist. und noch eine anmerkung: beim ersten mai ging es doch ursprünglich nicht darum, ein 'volksfest' zu feiern, glaub ich, oder? da war doch was mit haymarket, chicago und so, wasn't it? ...

bischen mehr koordination

alex 03.05.2005 - 01:06
nachdem das fronttranspi der demo überraschend am heinrichplatz eingerollt wurde (nur weil da letztes jahr ne bullenkette im weg stand und randale losgingen?) war die demo keine demo mehr sondern nur noch zielloses umherirren.
mal kurz die mariannenstr. raus aus dem myfest-kiez, dann über den kotti wieder zum o-platz geschlendert. da auf ne bullenkette gewartet, die sich doch zurück gezogen haben, über den zaun am o-platz richtung moritzplatz und so weiter.
an der shell die spinner, die die tanke kleinhauen/plündern wollten (es flog auch ein stein).

mensch, es war RICHTIG, das erste mal am 1. mai aus dem kiez rauszugehen. es war richtig zu springer oder zumindest richtung friedrichstr. zu gehen. wäre die ganze "demo" nicht so verpeilt gewesen, wäre ein gutes fronttranspi dagewesen und die allgemeine verpeiltheit und das sture warten auf eine bullenkette im weg, damit "es" endlich losgeht nicht gewesen, mensch, wir wären am springer verlag angekommen ohne das ein einziges bullenauto in der nähe war.
das wäre mal ein ziel gewesen, aber nein, wir hauen einen familienwagen ohne kasko um. dumm, einfach dumm.

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